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SSF - Der Offene Brief, Nr. 15

An den Vizepräsidenten des Dachverbandes der Deutschschweizer Sekundarlehrer, Hansruedi Hottinger

Sehr geehrter Herr Hottinger Sie bestätigen im „externen Standpunkt“ in der NZZ am Sonntag vom 28. März, dass Lehrpersonen ihre Kinder meistens nacherziehen müssen. Zwar seien viele Eltern froh, wenn sie in ihrer Erziehungsaufgabe von der Lehrperson unterstützt würden.
Sie sprechen aber auch von überforderten Eltern und verlangen „eine umfassende Unerstützung“ für sie. Es ist ein gravierendes Problem, dass die Erziehungsbemühungen der Lehrpersonen auf Kosten der Stoffvermittlung geht. Und dies ausgerechnet in einer Zeit, wo die Anforderungen an die Berufslehre laufend verschärft werden. Was ist geschehen? Blicken wir zurück: Sie waren vor 40 Jahren Junglehrer. Damals unterrichteten Sie Kinder, die - noch keine Idee vom Internet hatten und weder mit Pornografie, Gewalt noch Chat-Angeboten aller Art konfrontiert waren. Sie hatten noch keinen PC im Haus und schon gar nicht in ihrem Zimmer, ebenso wenig ein Handy, auf dem sie für Kollegen jederzeit erreichbar waren. Viele hatten nicht einmal einen Fernseher im Haus.

- Es gab noch nicht ein Unterhaltungsangebot durch die ganze Nacht hindurch, das immer jüngere Schüler in seinen Bann zieht. Schüler der Mittelstufe wurden um 8 Uhr ins Bett geschickt.

- Ein ganz entscheidender Unterschied zu heute bestand jedoch darin: Es war weithin selbstverständlich, dass sich Eltern Zeit für die Erziehung nahmen und die meisten dafür auch Kompetenzen mitbrachten. Es war nicht wie heute der Normalfall, dass beide Eltern berufstätig sind und sich die öffentliche Diskussion nur darum dreht, wie Familien und Berufsarbeit unter einen Hut gebracht werden können. Sie rufen trotzdem zu Recht die Eltern zur Verantwortung, auch wenn sie diese unter massiv erschwerten Umständen wahrnehmen müssen und sich allerlei Miterzieher mit Macht in die Kinderstube drängen. Wir wollen nicht den Fehler der 68er repetieren und für alles der „Gesellschaft“ die Schuld geben. Wir hätten aber wohl mehr Grund dazu als sie. Es ist eine Herausforderung geworden, vor den vielen Einwirkungen auf das Kind eine eigenständige erzieherische Linie durchzuziehen. Einen allgemein anerkannten Erziehungsstil gibt es ja auch nicht mehr. Viele heutigen Eltern sind Kinder von Eltern, die bereits antiautoritär, demokratisch oder gar nicht erzogen wurden. Andere sind alleinerziehend oder haben einen Immigrationshintergrund und sind daher dem erziehungsfeindlichen Umfeld noch stärker ausgesetzt. Die Gesellschaft darf nicht nur die grosse Freiheit fordern, sondern muss auch Leitplanken setzen. Dass besonders schlechte Angebote wie Killerspiele verboten werden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es braucht aber noch mehr: Familien brauchen nicht jede Art Konsumfreiheit, sondern mehr Zeit füreinander, Anregungen zur Kreativität, bessere Beratungsangebote und mehr Schutz vor den Interessen der Wirtschaft und besonders der Unterhaltungsindustrie. Und wer auf Erwerbsarbeit verzichtet, um Zeit für die Familie zu haben, soll dafür belohnt und nicht bestraft oder herabgesetzt werden.

Zürich, 07.04.2010/ Schweizerische Stiftung für die Familie (SSF)

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