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SSF - Der Offene Brief, Nr. 3
Offener Brief an Bundesrat Hans-Rudolf Merz
Sehr geehrter Herr Bundesrat Merz
Die Mehrwertsteuer trifft besonders diejenigen, die den grössten
Teil ihres Einkommens für Gesundheit, Wohnen und Güter des
täglichen Bedarfs ausgeben, ganz besonders also Familien mit
mehreren Kindern. Bisher wurde diese Belastung durch einen
niedrigeren Satz für Güter des täglichen Bedarfs gemildert.
Dies soll sich nun ändern. Erste Berechnungen des EFD zu den
Auswirkungen der Mehrwertsteuerreform auf die privaten Haushalte
zeigen, dass vor allem mittelständische Familien eine starke
Mehrbelastung durch die geplante Reform erfahren. Hohe Einkommen
würden nur eine schwache Mehrbelastung oder gar eine Entlastung
erfahren. Bezeichnenderweise fehlen Berechnungen, die zeigen,
wieweit eine mittelständische Familie mit drei oder mehr Kindern
durch die Steuerreform belastet würde. Oder auch eine Familie
mit mehr als zwei Kindern im untern Einkommenssegment. Dabei
sind gerade sie die Hauptbetroffenen, wenn man zum Beispiel
an die neue Belastung des täglichen Bedarfs - vor allem Lebensmittel
- denkt. Die Krankenkassenprämien, bei der eine Erhöhung der
Verbilligung vorgesehen ist, bilden nur eine von vielen Ausgaben
der Familien, die Prämienverbilligung kommt nur einem Teil
von ihnen zugute, und sie fällt schweizweit sehr ungleich
aus. In einer Resolution forderte ein Familienorganisation
kürzlich: "Die Mehrwertsteuer ist eine unsoziale und familienfeindliche
Abgabe, weil sie Korrekturmassnahmen zugunsten … von Familien
mit mehreren Kindern nicht zulässt." Sie verlangte daher,
auf jede Erhöhung der Mehrwertsteuer zu verzichten. Die geplante
Reform würde nun faktisch zu einer solchen Erhöhung führen,
es sei denn, der Bund hält an einem System mit zwei Sätzen
fest. Dies würde eine flexiblere und familienfreundlichere
Lösung ermöglichen. Bedenken Sie: Im Falle einer Erhöhung
der Mehrwertsteuer zur Sanierung der Sozialwerke wären kinderreiche
Familien nochmals benachteiligt. Weshalb ist dem Finanzminister
die Entlastung der Unternehmungen und Grossaktionäre so wichtig,
während die Familien scheinbar bedenkenlos mehr belastet werden
können? Kann dies im Sinne einer nachhaltigen sozialen Entwicklung
unseres Landes sein? Das EFD legt grosses Gewicht darauf,
die Wirtschaft, der es ja zurzeit sehr gut geht, steuerlich
zu entlasten, während die Anliegen der Familie auf die lange
Bank geschoben wurden. Die Familienbesteuerung musste trotz
grossen Bedenken im Parlament der Wirtschaft den Vortritt
lassen. Bei Ihrem Amtsvorgänger hatte die Reform der Familien-besteuerung
Priorität. Das Argument, dass zuerst die Ehepaarsbesteuerung
geklärt werden müsse, ist für uns nicht nachvollziehbar. Wie
lange müssen die Familien noch warten? Gerne erwarten wir
Ihre Antwort.
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