 |
Alle
"Offene Briefe"  |
|
SSF - Der Offene Brief, Nr. 9 - Februar 2009
An Nationalrat Reto Wehrli (CVP Schwyz)
Sehr geehrter Herr Wehrli
„CVP-Mann stoppt schweizweite Ergänzungsleistungen“ – so titelte
leicht ironisch die Aargauer Zeitung am Valentinstag. Und
sie berichtet, wie Sie in der Sozialkommission des Nationalrates
mit einem Ordnungsantrag dafür gesorgt haben, dass die Vorlage
zum „Tessiner Modell“, mit dem Ergänzungsleistungen für Familien
gesamtschweizerisch eingeführt werden sollen, vorläufig sistiert
worden ist. Leider, stellt die SSF fest. Der Wirtschaftsjournalist
der AZ kommentierte süffisant, dass ausgerechnet ein CVP-Mann
das jahrelang auf die lange Bank geschobene Anliegen torpediert
habe und damit auch seiner Kollegin Lucrezia Meier-Schatz
in den Rücken gefallen sei. Und indirekt auch seinem Kollegen
und Namensvetter Laurent Wehrli, der das Anliegen als Präsident
von Pro Familia mitträgt, müsste man dazu anmerken. Ihre Argumentation
in Ehren, Herr Wehrli, es gehe Ihnen um einen „Marschhalt,
um den Sozialstaat auf eine gesamtheitliche Basis zu stellen“.
Dieses Argument könnte auch von einem grundsätzlichen Gegner
finanzieller Unterstützung an notleidende Familien stammen,
wie der Applaus Ihres Kollegen Roland Borer (SVP) zeigt, der
keine neuen Sozialleistungen will, besonders wenn sie vielleicht
sogar ins Ausland bezahlt werden müssten. Sie möchten auch
sicher stellen, dass Ergänzungsleistungen nur an erwerbstätige
Eltern bezahlt werden. Weshalb? Damit treiben sie doch gerade
Familien in eine Notlage, die ohnehin durch Stellenverlust
und erfolglose Arbeitssuche in Armut geraten sind. Hinter
diesem Argument scheint eine Haltung zu stecken, die Armut
grundsätzlich als selbstverschuldet bzw. arme Menschen pauschal
als arbeitsscheu betrachtet. Damit mögen sie nicht immer Unrecht
haben, aber alle Betroffenen unter diesen Generalverdacht
zu stellen, ist unzulässig und destruktiv, man denke nur an
die zahlreichen Working Poor. Das Anliegen der Ergänzungsleistungen
hat eine lange Wegstrecke hinter sich. Bereits im Herbst 2000
forderten die beiden Nationalrätinnen Jacqueline Fehr und
Lucrezia Meier-Schatz in einer parlamentarischen Initiative
die „bundesweite Einführung von bedarfs-orientierten Leistungen
für einkommensschwache Familien“. Ein Anliegen, das längst
auch die Eidgenössische Koordinationskommission für Familien
(EKFF) favorisiert. Es handelte sich also um ein breit abgestütztes
Anliegen, das Sie jetzt mit einem Ordnungsantrag noch einmal
auf die lange Bank geschoben und als Bundeslösung vielleicht
endgültig abgeschossen haben. Herr Wehrli, sind Ihre Beweggründe
vielleicht von der Tatsache beeinflusst, dass Sie selbst in
einem reichen Kanton leben, in dem Familienarmut wenig sichtbar
ist und wo Werte wie Eigenverantwortung und Nachbarschaftshilfe
noch einen hohen Stellenwert haben? Geht Ihnen deshalb das
Anliegen der Befürworter von Ergänzungsleistungen zuwenig
nahe? Wir sind offen, falls Sie uns Ihre ablehnende Haltung
nachvollziehbar begründen wollen. Schweizerische Stiftung
für die Familie/17.2.09/im.
Schweiz. Stiftung für die Familie (SSF)
Schaffhauserstr. 24 Postfach 332
8042 Zürich
Tel 044 252 94 12, Fax 044 252 94 13
info@ familieistzukunft.ch
www.familieistzukunft.ch
|
 |